Die Geschichte des Molkenhauses


( Quelle: Friedrich Ehrhardt, Längst vergangene Tage )

Der Amtmann Johann Heinrich von Uslar ließ 1665 am östlichen Hang des Seilenberges, unweit des Fuhlelohnbaches, das erste Molkenhaus errichten. Die Weideflächen am Kolför und am Hasselbach waren nämlich Privatweide der Domäne Bündheim/Harzburg. So wurde das tägliche Aus- und Eintreiben der Kühe vermieden, die Hirten hatten ein Dach über dem Kopf und der Milchertrag wurde wesentlich verbessert. Doch 1822 war dieser Molkenplatz so morastig, dass das Vieh im Erdreich stecken blieb und dieser Standort aufgegeben werden musste. Am Hasselbach entstand das 2. Molkenhaus, das auch in den Wintermonaten bewohnt wurde und das Einholen der Gerätschaften im Herbst ersparte.
Als die Domäne Mitte des vorigen Jahrhunderts aufgelöst und der Harz zur gleichen Zeit durch die Eröffnung der ersten deutschen Staatsbahn (von Braunschweig nach Harzburg) den Wanderern erschlossen wurde, entwickelte sich das Molkenhaus zu einem Wirtshaus am Wege zum Brocken. Peter Schöttler, Johann Friedrich Müller, Wedekind und Hardegen hießen die Pächter, bevor der Landwirt Otto Reuß 1883 das Anwesen übernahm.


Harzkühe am Molkenhaus

Eine Herde rassereiner brauner Harzkühe bildete den Mittelpunkt des Betriebes und zwar der ganze Stolz des Pächters. Eine irdene Satte „dicke Milch“, Zucker, Zimt und trockenes Brot war ein köstliches Gericht für müde Wanderer. 1890/91 wurde ein neuer Stall für die Kühe gebaut, die in den Sommermonaten auf die Weide in den umliegenden Waldungen getrieben wurden. Das Heu für den Winter wurde auf den nahe gelegenen Wiesen geerntet. Wald- und Steinbrucharbeiter schnitten in der Frühe, wenn noch die Tautropfen an den Halmen hingen, das Gras! Harzburger und Bündheimer Schuljungen fuhren das Heu ein. Das Einbringen des letzten Fuders war stets ein besonderes Ereignis: es gab für die Beteiligten Kaffee, Kuchen und zum Abschluss Limonade, sowie belegte Brote. Am letzten Tag fanden sich auch die jungen Damen aus den verschiedenen Harzburger Pensionaten zur Mithilfe auf dem Molkenhaus ein. Es gab ein großes Gaudi, bei dem immer wieder das Lied der Heujungen erklang:

„Im Frühjahr ist’s auf dem Molkenhaus so herrlich, so schön,
Wenn die Wiesen grünen und die Schnitter mähen
Und die Wiesenjungen auf die Wiese gehen,
ist’s auf dem Molkenhaus so herrlich, so schön.
Im Sommer ist’s auf dem Molkenhaus so herrlich, so schön,
wenn wir alle beim Harken schwitzen
und hernach bei Kaffee und Limonade sitzen,
dann ist’s auf dem Molkenhaus so herrlich, so schön.
Im Herbst ist’s auf dem Molkenhaus so herrlich, so schön,
wenn das letzte Fuder wir nach Hause bringen,
und aus voller Kehle dazu singen,
ist’s auf dem Molkenhaus so herrlich, so schön.
Wie ist’s doch auf dem Molkenhaus so herrlich, so schön,
wenn wir alle beim Ernteschmaus sitzen
und bei Wein und Beefsteak unsere Augen blitzen,
dann ist’s auf dem Molkenhaus so herrlich, so schön.
Im Winter ist’s auf dem Molkenhaus so herrlich, so schön,
wenn die Blumen blühen an den Fensterscheiben
und die Wiesenjungen dann zu Hause bleiben,
ist’s auf dem Molkenhaus so herrlich, so schön.“


Das letzte Fuder Heu wird eingebracht


Doch der alte Reuß war nicht nur Landwirt; er war auch ein Gastwirt voller Initiative. Durch Um- und Anbauten wurde das Haus erweitert und zu einer der bekanntesten Hotelpensionen des Harzes umgestaltet. Er trieb den Wintersport voran und war ein großer Tierfreund. Die Wildfütterung war ihm eine Herzensangelegenheit. Er blies auf einem Horn, und das Wild erschien am Futterplatz. Wehe dem, der dieses beschauliche Bild störte! Ein Donnerwetter prasselte auf den Störenfried herab, egal ob jung, alt, arm oder reich.

Otto Reuß hatte ein besonders gutes Verhältnis zur Tierwelt; Greifvögel aus der freien Wildbahn ließen sich auf seinen Arm nieder, Hirsche begleiteten ihn auf seinem Gang zum Kegeln bis zum Gattertor, das sich am Eingang des Kalten Tales bei dem Gedenkstein für Harzburgs ersten Kurdirektor Hermann Dommes befand. Der alte Herr Reuß war voller Humor. Oft ging er mit Sommergästen zum Forellenfang an Ecker oder Radau. Die Fremden mussten einen Eimer voll Wasser mitnehmen für den Heimtransport der Bachforellen. Beim Eintreffen am Angelplatz pflegte er zu sagen:“ Ach, habe ich doch gar nicht daran gedacht, dass hier frisches Wasser ist“, und kippte das mitgeschleppte Wasser aus.


Wildfütterung am Molkenhaus

Seine Kinder Ella, Erna, Paul, Otto und Walter ließ er frei aufwachsen wie junge Bäumchen. Der Wald war ihr Erzieher, die Wiese ihre Kinderstube, die Tiere ihre Spielkameraden, so berichtet Elli Allesch, geb. Reuß. Eine Großstadt lernten sie erst später kennen, aber die Baumarten und die Wildspuren unterscheiden, das konnten sie vor dem ABC. Forellen unter den Ufersteinen der Ecker zu fangen, gelang den Kinderhänden früher, als den Griffel über die Schiefertafel zu führen. Als der 1849 geborene Otto Reuß nach dreißigjähriger Bewirtschaftung das Molkenhaus in die Hände seines Sohnes Paul legte, endete eine Epoche.
Otto Reuß  unterstützte während der vier Kriegsjahre seine junge Schwieger- tochter in der Bewirtschaftung des Molkenhauses. Paul Reuß kehrte gesund heim aus dem Felde; wieder wuchsen zwei Jungen, Helmut und Otto, in der freien Waldluft auf. Während der ältere die Forstkarriere einschlug, sollte der jüngere die Tradition auf dem Molkenhaus weiterführen. Doch wieder veränderte ein Krieg den Ablauf der Dinge. Es lief alles so schön ab, der Hotelbetrieb nahm mehr und mehr zu. Das Wild folgte dem Ruf des Wirtes, das Personal war jahrzehntelang in dem Betrieb tätig; da traf die Nachricht ein, dass Otto Reuß aus der 3. Molkenhausgeneration gefallen sei. Der Vater war gealtert und zog sich 1952 nach Bad Harzburg ins Privatleben zurück.
Joachim Wellbrock, der Sohn seiner Schwester Ella, übernahm die Bewirtschaftung des Molkenhauses. In der Abgeschiedenheit des Hauses schrieb der Augenarzt Dr. med. Unger sein Buch über Robert Koch, dort suchten stressgeplagte Angehörige der Rundfunk- und Fernsehanstalten Erholung und strahlten Sendungen über die Wildfütterung aus. Doch die Ansprüche der Gäste stiegen, die Ausstattung der Räume entsprach nicht mehr dem Standard. So verließ die Familie Wellbrock das Haus, das auf Anordnung der Forstverwaltung am 15. Dezember 1973 niedergebrannt wurde.

1976/77 entstand auf Wunsch von Herrn Manfred Kaetz und mit Hilfe von Herrn Kurt Quermann nördlich des Hasselteiches die „Wanderstation Molkenhaus“, die am 24. Mai 1977 eröffnet und bis 2006 von den Familien Kaetz und Leube geführt wurde.

Im Mai 2007 wurde das Molkenhaus, nach grundlegenden Renovier-ungsarbeiten, von dem neuen Molkenhausbetreibern Frau Menz und Herrn Said wiedereröffnet. Bis heute ist das Molkenhaus ein beliebtes Wanderziel für Jung, Alt, Arm oder Reich geblieben und nach wie vor für seine Wildfütterung berühmt ist.